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Marina Lewycka – Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch 08/08

Oleh: Michael
2. August 2008

Seit einigen Monaten pflegen wir nun schon diese Tradition und stellen euch jeweils zwei unserer Meinung nach lesenswerte Bücher vor. Bisher gab es keine Beschwerden -  also machen wir mit dieser  Art der intellektuellen Beschallung ganz dreist und sehr selbstbewusst auch im Freibadmonat Juli weiter. Wo sonst kann man auch besser lesen als auf der Freibadwiese unter blauem Himmel? Wir beginnen mit folgendem Machwerk von Marina Lewycka:

Leseprobe:
Zwei Anrufe und eine Beerdigung Zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückende blonde geschiedene Frau aus der Ukraine. Er war vierundachtzig, sie sechsunddreißig. Wie eine flauschige rosa Granate schoss sie in unser Leben, wirbelte trübes Wasser auf, brachte den ganzen Morast längst versunkener Erinnerungen wieder an die Oberfläche und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern. Mit einem Anruf fing alles an. Mein Vater krächzt mit vor Erregung zittriger Stimme in die Leitung: »Gute Neuigkeiten, Nadeshda! Ich heirate!« Ich weiß noch, wie mir schlagartig heiß wurde. Das kann doch nicht sein Ernst sein! Hat er nicht mehr alle Tassen im Schrank? Dreht er auf seine alten Tage jetzt durch? Aber ich sage nur: »Freut mich, Papa.« »Ja. Sie hat einen Sohn und kommt aus der Ukraine. Aus Ternopil.« Aus der Ukraine. Er denkt an früher, an blühende Kirschbäume und den Duft von frisch gemähtem Gras, und seufzt. Ich dagegen spüre den Synthetik-Hauch des neuen Russland. Sie heißt Valentina, erzählt er. Aber sie erinnert eher an eine Venus. »Die den Fluten entsteigende Venus von Botticelli. Du weißt schon: goldenes Haar, wunderschöne Augen, fantastischer Busen. Wenn du sie siehst, verstehst du, was ich meine.« Die erwachsene Frau in mir ist nachsichtig. Süß, so ein letztes spätes Liebesglühen. Die Tochter in mir ist beleidigt. Verräter! Alter geiler Bock! Mutter ist gerade mal zwei Jahre tot. Ich bin wütend, aber auch neugierig. Diese Frau, die meine Mutter verdrängt, möchte ich sehen. »Klingt ja toll. Wann kann ich sie kennen lernen?« »Wenn wir verheiratet sind.«

Fazit:
Marina Lewycka ist mit diesem Roman bereits seit 2006 ein Begriff in der deutschen Leser-schaft. Dennoch lohnt sich es auch heute noch einen Blick auf dieses humorige und sehr erfrischend geschriebene Buch zu werfen. Sofern man sich für die Geschichte der industriellen Welt interessiert.

Über die Autorin:
Marina Lewycka
* 1946 in Kiel, Deutschland

Britische Schriftstellerin mit ukrainischer Abstammung. Kam nach Ende des zweiten Weltkrieges in einem Flüchtlingslager in Kiel zur Welt.

Studierte an der Keele University und arbeitet heute als Dozentin für Medienwissenschaften an der Sheffield Hallam Universtity.

Weitere Bücher des Autors:
Caravan (2007)

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